Ein paar Gedichte auf die Augen.

VOM FALLEN, SOLDATEN UND REIS

 

 

Hinterm Stadtgarten züngeln Nadelstiche
tief ins Fleisch während in China ein Soldat
und dann ein Sack Reis fällt nenn mir einen

Aus dem Mob der Landbevölkerung der kein
Kannibale wäre wenn es um Sättigung geht

Nenn mir einen Einheimischen der genau weiß:
Das schlimmste ist das Gehör wenn nur die
anderen lachen es ist immer leichter Fliegen
totzuschlagen als die Zeit was sollst du tun
in deinem Leben in den Ruinen Europas die

Grenzen sind verschoben doch der Stachel-
draht sitzt tief in den Herzen die letzte Paris-
Revue ist ausverkauft du stehst in der Schlange
und bist keine Kobra dein Gift verletzt heute

Niemanden mehr deine Tiefschläge halten
der Zeit nicht mehr stand sieh dich doch um
was fällt dir zuerst auf ein sterbender Soldat

Oder doch ein Sack Reis morgens um acht?

(c) urs böke

IN DIESEN NÄCHTEN

 

Nachts um drei
höre ich die
Techno-Beats der
Disco in Oberhausen
sitze besoffen vor
der Olympia und
versuche krampfhaft
was brauchbares
zu schreiben
(was nie gelingt)
stelle die Musik lauter
und torkel durchs Zimmer
an dessen Eckwand einst
ein Kumpel schrieb
Ihr seid scheiße!
und vermutlich wußte
er nicht einmal
wie recht er damit hatte

In diesen Nächten
in denen ich das Schlafen
gar nicht erst probiere
um die Schlafstörungen
zu übertölpeln
in diesen Nächten
sterbe ich
hunderttausend Tode
jage einer Erinnerung
hinterher und versage
bei dem Versuch
mal weniger zu trinken

Nachts um drei
wenn der verrückte Hahn
den Morgen einläutet
der Kurier die Zeitung
in den Kasten wirft
und der Alkohol mich
langsam müde macht
in diesen Nächten
wünsche ich
daß die Schreibmaschine
mir die Pulsadern öffnet.

 

(c) urs böke

BEUTE FÜR DIE EWIGKEIT


Außerhalb des Schattens liegt kein Getreide.
In dieser Stadt wächst heute nichts. Fünf Kinder
kommen zu viert nach Hause zurück.
Nirgendwo Eltern, die sich noch wundern.

Nah der Brücke ihre Kreidereste auf der Straße.
In der Köttelbecke ein Brief ohne Leser.
Anne sagt Es geht kein Butzemann mehr
ohne Kalashnikov vor die Tür. Es wird spät.

Im Radio hören wir ein Surren. Eine Mutter
vergewaltigt ihren letztgeborenen Sohn. Er ist 17
und muß sich von ihr frottieren lassen.
Seine Scham liegt blank wie kein Entsetzen.

Als der Tag dann geht, lösen wir die Spannung.
Im Fernsehen werden wir Zeugen des Alltags.
Ich weiß von nichts und buchstabiere Erlösung.
Diese Welt lebt in mir. Nicht andersrum.

 

(c) urs böke

MODERNE ALGEBRA

 

Nachmittags ist es unbeständig
kurz hinter den Gewürzgurken wird dir klar
daß der Job der dich die Nerven kostet
kein Job fürs Leben ist
daß die Frau die zuhause wartet
auch die Kassiererin sein könnte

Es gibt viele Möglichkeiten den Krieg zu überleben
es gibt viele Gründe im Frieden Selbstmord zu begehen

Und während du an der Tiefkühle stehst
sinkt deine Rente sinkt dein Verstand
du denkst an Lieder Gedichte Melodien
du denkst: Fick die Welt doch verhüte dabei

Es gibt viele Möglichkeiten den Krieg zu überleben
es gibt viele Gründe im Frieden Selbstmord zu begehen

Du stehst im Stau der Zivilisationen
du siehst die Menschen an mit Verachtung
du siehst die Menschen an mit Vergeudung
die Schlange an der Kasse kommt nicht voran

Es gibt viele Möglichkeiten den Krieg zu überleben
es gibt viele Gründe im Frieden Selbstmord zu begehen

Abends im TV die immergleichen Bilder
du siehst das Elend und wünschst es herbei
die Katastrophen von gestern das weißt du
sind für uns heute noch gut genug

Es gibt viele Möglichkeiten den Krieg zu überleben
es gibt viele Gründe im Frieden Selbstmord zu begehen

Nachts wird es noch schlimmer
kurz nach dem Beischlaf wird dir klar
daß die Frau die dich die Nerven kostet
keine Frau fürs Leben ist

Daß die Möglichkeit den Krieg zu überleben
realistischer ist als der Grund
im Frieden keinen Selbstmord zu begehen.

 

(c) urs böke

BEI ANKUNFT RATIO

 

Es ist mühsam geworden in einsamen Nächten
die alten Feindbilder sind lange schon out
doch die Vorurteile sind die selben geblieben
für Hass auf den Staat bist du Jahre zu alt

Es ist mühsam geworden in einsamen Nächten
für deine Wut noch Kanäle zu finden
alte Zielscheiben sind für deine Dioptrien zu schmal
deine Phantasien gibt es bereits digital

Es ist mühsam geworden in einsamen Nächten
die anderen Menschen noch zu vermissen
die weite Sehnsucht war mal so einfach
heute weißt du um Liebe und sie ödet dich an

Es ist mühsam geworden in einsamen Nächten
die Gläser nicht wieder zu füllen
eine einzige Konstante durch die Jahrzehnte
es ist einsam geworden in mühsamen Nächten.

 

(c) urs böke

ÜBERSEE 1939

 

Es muß mal simpler gewesen sein
die von früher haben malocht in Fabriken
abends gesoffen und ihre Einsamkeit
in reimlose Strophen gepackt

Es gab noch Arbeit für sie die Bosse
suchten noch ungelernte Tölpel
die für ein paar Cents Drecksarbeit
bis zum Abend durchhielten sie waren
Underdogs Zuhälter Idioten

Sie hielten still und sparten sich
ihre Bleistifte vom Suppenteller ab
hörten Klassik aus dem Radio
steckten ihre Schwänze in Vasen

Heute –

Gibt es keine Arbeit mehr
keine Bosse die dich noch einstellen
wenn du verkatert die Werktage beginnst

Heute ist es nicht mehr so einfach
mit Bier und Sex über den Alltag zu kommen
Heute ist bloß noch eine Ansammlung aus
Pflichten Amtsgängen und falscher Demut

Es muß mal simpler gewesen sein
im Finale ganz groß rauszukommen.

 

(c) urs böke